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und Praxis für Spieltherapie

Entwicklungen zwischen 6 und 12 Jahre

Im Alter von ungefähr sechs Jahren beginnt ein Prozess, der das Leben eines Kindes für eine lange Zeit bestimmen wird. Stand das Kind der Umwelt in seiner frühen Phase noch staunend und mit kritikloser Entdeckerfreude gegenüber, so beginnt es jetzt, gewonnene Informationen einzuordnen, kritisch zu beurteilen und miteinander in Verbindung zu bringen. Ähnliches gilt für die Beziehung zu den Eltern.

Was Vater und Mutter sagen oder tun, gilt in der frühkindlichen Phase als das Maß aller Dinge und wird nur in den seltensten Fällen hinterfragt. Einflüsse und Meinungen von außen – beispielsweise von Kindergärtnerinnen oder Spielkameraden – werden gewissermaßen mit den Augen der Eltern gesehen und beurteilt.

Hier tritt etwa ab dem sechsten Lebensjahr eine nachhaltige Veränderung ein. Eltern müssen sich jetzt darauf gefasst machen, dass ihre Handlungen genau beobachtet und ihre Autorität gegebenenfalls in Frage gestellt werden. Die Kritikfähigkeit entwickelt sich – und als direkte Folge lernen Kinder auch, Phantasie und Realität zu unterscheiden: Der Weihnachtsmann vorm Kaufhaus wohnt jetzt nicht mehr am Nordpol und fliegt mit dem Rentierschlitten zur Arbeit, sondern es ist nur noch ein Mann im rot-weißen Kostüm, der hoffentlich ein paar kleine Geschenke verteilt.

Das Alter zwischen 6 und 12 Jahren ist die Phase, in der Kinder beginnen, sich geistig von ihren Eltern zu lösen. Diese Entwicklung sollte jedoch niemals als Abkehr betrachtet werden. Sie ist vielmehr der Beginn einer Hinwendung zum eigenen, selbstbestimmten Leben.

In der kindlichen Entwicklungsphase zwischen 6 und 12 Jahren sollten Eltern besonders auf die Authentizität des eigenen Verhaltens achten. Kinder lernen zunehmend, die Phantasie von der Realität zu trennen, und damit einher geht die Fähigkeit, zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden. Natürlich wollen wir Eltern nicht unterstellen, dass sie ihre Kinder bewusst anlügen oder in deren Gegenwart die Unwahrheit sagen – aber Kinder kommunizieren direkt und nehmen Äußerungen wörtlich. Die für Erwachsene typischen, feinen Unterscheidungen haben sich in der kindlichen Begriffswelt noch nicht entwickelt. Wie sich diese Tatsache auf den täglichen Umgang auswirken kann, soll das folgende Beispiel verdeutlichen:

Die Eltern bemühen sich, ihr Kind zu unbedingter Ehrlichkeit zu erziehen. Eines Tages fährt die Mutter mit dem Kind in die Stadt, um in letzter Minute noch ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Sie parkt ihr Auto auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz und vergisst im Stress, einen Parkschein zu ziehen. Als die beiden nach einer Stunde zum Auto zurückkommen, steht eine Politesse daneben und will gerade ein Ticket hinter die Scheibenwischer klemmen. Die Mutter erzählt der Frau, sie habe nur für fünf Minuten hier geparkt, um ihr Kind von einer Freundin abzuholen. Weil Weihnachten ist, drückt die Politesse ein Auge zu. Die Mutter ist einfach erleichtert, weil ihr das Ticket erspart bleibt. Aus der Sicht des Kindes stellt sich der Vorgang etwas anders dar: Es hat gerade erlebt, wie seine Mutter einen anderen Menschen angelogen hat – und den von Erwachsenen gern verwendeten Begriff der „Notlüge“ kennt es noch nicht.

Sollten solche oder ähnliche Situationen auftreten, ist es wichtig, mit dem Kind zu reden und den eigenen Fehler einzugestehen. So kann es das Vertrauen in seine Bezugspersonen behalten und gleichzeitig lernen, dass niemand perfekt ist – auch die eigenen Eltern nicht. Diese Erkenntnis ist umso bedeutsamer, je älter ein Kind wird und je besser es in der Lage ist, das Verhalten der Eltern zu beurteilen. Jeder Mensch steht irgendwann vor dem Problem, den eigenen moralischen Maßstäben nicht in vollem Umfang gerecht zu werden. Kinder müssen lernen, dass ein solches, vorübergehendes Dilemma nichts am Wert der Maßstäbe an sich ändert. Wer lebt, macht auch Fehler – es kommt nur darauf an, aus diesen Fehlern zu lernen. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen, die Eltern ihren Kindern vermitteln können, weshalb sie sich selbst unbedingt daran halten sollten.

Mit dem Aufbau der eigenen Persönlichkeit beginnt auch die Phase, in der Kinder sich ein eigenes Urteil über das Verhalten und die Anordnungen ihrer Eltern bilden. Ein Kind bestimmt jetzt zunehmend selbst, was es als gerecht oder ungerecht empfindet, und darum ist es dringend notwendig, ihm zu erklären, warum es bestimmte Dinge tun oder lassen soll.

Gleichzeitig beginnt das Kind, Fragen zu stellen: Stehen meine Eltern hinter dem, was sie sagen? Wo liegen meine Grenzen? Was passiert, wenn ich diese Grenzen überschreite? Im direkten Zusammenhang mit diesen Fragen stehen die ersten Rebellionsversuche. Regeln werden umgangen oder ignoriert und die Reaktionen sehr genau beobachtet. Besonders in diesem Lebensabschnitt eines Kindes sollten Eltern den Mut zur Konsequenz aufbringen. Sie sind es, die Maßstäbe und Grenzen setzen und die Verantwortung dafür tragen, wie das Kind damit umgeht. Kinder verlangen nach Grenzen, denn sie dienen ihm auch zur Orientierung in einer verwirrenden Welt, die sie erst zu begreifen lernen. Grenzen wiederum werden durch Anordnungen gesetzt – und eine Anordnung verliert ihren Sinn, wenn sie nicht konsequent angewendet wird und ein Kind nicht lernt, dass eine Zuwiderhandlung einen Konflikt mit den Eltern hervorruft und entsprechende Folgen hat.

Diese Folgen sollten allerdings in angemessener Relation zum Konflikt stehen und für das Kind nachvollziehbar sein. Heißt eine Anordnung beispielsweise „Spiel´ nicht mit dem Essen herum“ und ein Kind kleckert auch nach mehreren Ermahnungen noch weiterhin mutwillig Pudding auf die Tischdecke, wäre es unangemessen, dem Kind dafür Fernsehverbot zu erteilen - es würde sich mit Recht fragen, was Fernsehen mit Puddingkleckern zu tun hat. Sinnvoll wäre in diesem Fall eher, dem Kind den Pudding einfach wegzunehmen - eine direkte Maßnahme, die es sofort mit dem „Vergehen“ in Zusammenhang bringen kann.